Fast eine Grabrede
In meine Biographie habe ich über das Krankenhaus, dem ich die folgenden Zeilen widme, zur Zeit meines Eintritts in das Berufsleben geschrieben, den Eindruck, den es auf mich damals junges Ding gemacht hat.
Als ich vor Jahrzehnten meinen Dienstort gewechselt hatte und dieses Haus verließ, war ich lange nicht mehr dort. War es eine gewisse Wehmut, die mich daran hinderte? Irgendwann aber hatte ich ihm doch einen Besuch abgestattet.
Im sogenannten Narrenturm, den der echte Wiener immer schon liebevoll wegen seiner Form den Gugelhupf nennt, befindet sich eine, auch für den Laien interessante Ausstellung, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Es ist wirklich einmalig, was hier, mühevoll zusammengetragen und erarbeitet, dem Beschauer geboten wird.
Beim Betreten des Turmes schweiften meine Gedanken ein wenig in jene Zeit ab, als hier in den Anfängen der Psychiatrie noch jene armen Menschen beherbergt wurden, die man wegen einer Geisteskrankheit nicht in ihrer normalen Umgebung lassen konnte oder wollte. Aus Angst vor dem Unerklärlichen, der Unwissenheit über jene Krankheiten, wobei der Aberglaube keine geringe Rolle spielte, sperrte man die unglücklichen Geschöpfe in schmale Zellen, aus denen es kein Entrinnen gab und sie ihr weiteres Leben, meist bis zum Tod, fristen mussten. Wenn die dicken Mauern erzählen könnten vom Leid und Schmerz, von der Verzweiflung und den angstgepeinigten Schreien der von den Mitmenschen und dem Schicksal Verdammten, eine ganze Bibliothek könnte man füllen.
Viel später, als man endlich daran ging, diese armen Kranken menschenwürdiger unterzubringen, wurde der runde Turm umfunktioniert, wozu? Zu einen Schwesternwohnheim. Nun da auch das nicht mehr aktuell ist, wurde es zum richtigen Rahmen für eben jene Ausstellung.
Nach der Besichtigung der wissenschaftlichen Kostbarkeiten ging ich langsam und im Gedanken versunken durch die altvertrauten Höfe. Was zum Erinnerungsbild fehlt, ist das hektische Treiben, das einst zum Alltag jenes Hauses gehörte. Keine weißen Kittel, keine Schwesterntracht sieht man mehr über die Wege hasten, keine Patienten sitzen auf den Bänken im Schatten alter Bäume, kein Rettungsauto mit Blaulicht und Folgetonhorn stört nun meine Gedanken.
Es ist, als wäre das Krankenhaus in den Dornröschenschlaf gesunken.
Doch gerade diese scheinbare Ruhe ist es, die meiner Phantasie freien Lauf lässt.
Wie mag es wohl gewesen sein, als das Haus im Jahre 1693 ursprünglich als Garnisonsspital diente und Hundert Jahre später unter Kaiser Josef II. zu einen großen Krankenhaus ausgebaut wurde. Zu einer Zeit, als es noch Krankheiten gab, die schon längst der Vergangenheit angehören. Als Hygiene, Anästhesie und all die Dinge, die heute selbstverständlich sind, vollkommen unbekannte Faktoren waren. Noch war das elektrische Licht nicht erfunden, medizinische Instrumente aus jener Zeit muten heute wie mittelalterliche Folterwerkzeuge an. Selten, dass ein Kranker ein Bett für sich allein hatte. Die Sterblichkeit war angesichts dieser Zustände dementsprechend hoch. Wen wundert es, dass die Menschen in dieser Zeit eine panische Angst vor Krankenhäusern hatten.
Aber gerade hier hatten die Größten der medizinischen Welt gewirkt, sie haben, die Wiener medizinische Schule, die stets Anerkennung fand und immer noch findet, mitbegründet.
Namen wie Koch, Billroth, Hebra, Röntgen, Semmelweiß, um nur einen Bruchteil jener zu nennen, die so viel für die Menschheit getan haben, begegnen uns.
Lange sitze ich in der Allee des ersten Hofes und genieße den Schatten, den die Bäume in der Mittagshitze spenden.
Während ich meinen müden Füßen eine Erholungspause gönne, betrachte ich das noch immer eindrucksvolle Direktionsgebäude, welches inmitten des ersten Hofes, umgeben von jenen Bauten, welche die Krankenstationen beherbergten, felsenfest, wie für die Ewigkeit gebaut, dasteht. Seit seinem Bestehen residierten hier sowohl die geistlichen, als auch später nur mehr die weltlichen Oberinnen. Streng und Respekt einflößend.
Hier thronte der ärztliche Leiter als absoluter Herrscher des Hauses und der Verwalter, der die Finanzen regelte und das Ruder fest in der Hand hielt. Denn ohne den Willen und dem Sanctus eines Verwalters lief nichts.
Wenn man zurückblickt in diese für die Medizin so wichtige und geschichtsträchtige Zeit, erscheint es einem wie Blasphemie, was danach in den Ehrfurcht gebietenden Mauern und den dazwischenlegenden verträumten Höfen inszeniert wurde.
Dröhnende Rockmusik, grölende Menschen, ein Stadtheuriger, verschiedene Bars und in den Räumen der chirurgischen Ambulanz ein niveauloses Cafe. Wo vor nicht allzu langer Zeit noch Schmerzensschreie, Tränen und Trauer zur Geräuschkulisse jener gehörten, die hier ihren harten Dienst versahen, wo Kranke angstvoll darauf warteten, was auf sie zukam, schmerzgepeinigte Menschen auf Hilfe hofften, saßen die Leute und schlürften genüsslich ihren Kaffee. Die dröhnende Rockmusik aus dem Transistorradio lässt kaum ein Gespräch aufkommen. Ich glaube nicht, dass nur einer der Gäste oder des Bedienungspersonals je das viele Leid, das sich täglich hier abgespielt hat, mit ansehen musste. Es wäre angebrachter gewesen, diese Räume einen, den Rahmen entsprechenden Zweck zu widmen.
Die seit Jahrzehnten vorhandene kleine Imbissstube im ersten Hof hätte man ausbauen und daraus ein schönes, zu seiner Umgebung passendes Kaffeehaus errichten können.
Wir, die wir hier unzählige Jahre gewirkt hatten, empfanden den Rummel als einen Schlag ins Gesicht. Wie sinnvoll und interessant wären Führungen durch die ehemaligen Kliniken, Vorträge darüber, was in den jeweiligen Fachrichtungen geschaffen wurde. Von den großen Medizinern und Forschern der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart, deren Wirken so vieles für die gesamte Menschheit gebracht hat.
Über die schwere Arbeit unter oft unmenschlichen Bedingungen des Pflegepersonals. Das alles würde wesentlich besser in diese Umgebung passen, als das Gebotene.
Doch auch dieses gehört schon der Vergangenheit an.
Es würde niemanden einfallen, in einem der berühmten Ringstraßengebäude wie Museen, Universitäten, Parlament und was weiß Gott noch, das Burgtheater ausgeschlossen, eine Sex – Show zu bringen. Oder kann sich jemand vorstellen, dass im Festsaal des Rathauses ein Wanderzirkus auftritt? Hier achtete man auf die Würde des jeweiligen Hauses. (Doch auch das hat sich seit einiger Zeit geändert!)
Das dreihundert Jahre alte allgemeine Krankenhaus hat sich diesen Respekt erst recht verdient. Nun, viele Jahre danach hat sich dieser Zustand doch verbessert
Als ich bei der verwaisten Portierloge vorbei hinaus auf die Straße trete, werfe ich einen Blick hinüber zu den neuen Kliniken. Es sind zwei hohe, wuchtig wirkende, dunkle Bauten, an deren Anblick man sich erst gewöhnen muss. Wie viele alte und schöne Bäume wurden diesen Monsterbauten geopfert!
Die kleinen Krankenzimmer sind mit einigem Komfort ausgestattet, der den Patienten den Aufenthalt angenehmer machen soll. Einkaufsmöglichkeiten, eine Bank, ein Friseur entsprechen dem Standard eines modernen Krankenhauses. Doch wo sind die Bäume? Das wohltuende Grün musste dem trostlosen Grau weichen.
Hierher sind sie nun übersiedelt. Die Kliniken mit ihren Ärzten, Schwestern und all den anderen, so wichtigen Mitarbeitern.
Nur eines konnten sie nicht mitnehmen, die Atmosphäre, die Wärme, die Erinnerungen, die dem alten Haus innewohnten. Sie haben sich nicht hinüber transferieren lassen in Beton, Stahl und Glas. Sie bleiben in den alten Mauern jener Gebäude, in denen sie entstanden sind wie die Geister eines alten Schlosses.
Doch es sind gute Geister und wenn wir uns ihnen nicht verschließen, werden sie auch in Zukunft Gutes für die Menschen tun.
Also hegen und pflegen wir sie zu unserem eigenen Wohlergehen.
OH HAST DU NOCH EIN MÜTTERLEIN
…….Oh hast du noch ein Mütterlein…..
so hab es lieb und halt es wert!
Dieses Lied hat mir meine Mutter, als ich noch ein Kind war, sehr oft vorgesungen. Meist musste ich seines traurigen Schlusses wegen weinen. Der Muttertag selbst war für mich immer etwas Besonderes. Sicher, ich liebte meine Mutter das ganze Jahr über, aber diesen einen Tag nahm ich immer zum Anlass, besonders lieb zu sein und für vergangene, mögliche Unfolgsamkeiten und Ärgernisse , die ich ihr, wie andere Kinder auch, bereitet habe, Verzeihung zu erwirken. Meine sehr kindlichen Geschenke waren der Kriegszeit gemäß mehr als bescheiden. Ein paar selbstgepflückte Blümlein von der Wiese, Manchmal aber auch in den nahen Gärten der Ankerbrotfabrik gestiebitzt, ein handgeschriebenes Gedicht natürlich nicht ohne ein paar Rechtschreibfehler und Tintenkleckse , eine herzliche Umarmung, das war alles. Aber meine Mutter war glücklich.Ihr lag nichts an wertvollen Geschenken. Es war stets ein wunderschöner Tag. Mein Vater und ich verwöhnten sie und das vom ganzen Herzen. Als ich selbst Familie hatte, war es ein Selbstverständliches, dass auch meine Kinder Ihrer Großmutter zu diesem Anlass eine kleine Aufmerksamkeit brachten und besonders liebevoll zu ihr waren. Jahre später, in meinem Beruf lernte ich den Muttertag von einer ganz anderen Seite kennen.. Alte Frauen, das ganze Jahr über von der Familie kaum mehr beachtet, von ihnen ins Heim abgeschoben, mit ihren Tränen, dem Hoffen, es würde doch jemand für sie Zeit finden, allein gelassen. Am Muttertag besannen sich die Töchter und Söhne und holten die alte Frau für ein paar Stunden aus dem Heim. In irgendein unter Umständen pickfeines Restaurant, man kann es sich ja schließlich leisten und für die liebe Mutter ist uns (einmal im Jahr!!!!!) nichts zu teuer! Hier wird sie nun mit allen möglichen Leckereien voll gestopft und sie wird nicht nein sagen, denn man kann ja die Jungen nicht ktänken, indem man ablehnt. Und so überwindet sie sich und verschlingt alles, was ihr geboten wird. Auchz wenn man später die vorausehbaren Folgen einer solchen ungewohnten und sinnlosen Schlemmerei zu tragen hat. Es ist ja nur einmal im Jahr und vielleicht sogar der letzte Muttertag, den sie erleben durfte. Wenn die alte Frau später ins Heim zurück gebracht wird, ein paar Blumen zieren einige Tage lang das Nachtkästchen, ist das Abschiednehmen überschwenglich und die Angehörigen gehen und kommen irgendwann, so es ihre kostbare Zeit zulässt, auf einen kurzen Sprung wieder vorbei. Vielleicht aber auch erst am nächsten Muttertag. Kinder bringt man nicht gerne zu Besuch in ein Pflegeheim. Man will den lieben Kleinen den Anblick der alten Menschen und die nicht gerade erbauliche Umgebung in einem Pflegeheim nicht zumuten. Einem Kind soll man die sogenannte heile Welt so lange als möglich erhalten. Da haben alte und hilfsbedürftige Menschen nichts verloren. Eine heile Welt, die zu Hause nicht mehr aktuell ist. Denn da setzt man die ach so behüteten Kleinen planlos vor die Flimmerkiste, lässt sie die schrecklichsten Computerspiele spielen, nur um selbst Ruhe zu haben. Man ist ja schließlich so gestresst! Die Großmutter aber ist ihnen ohnedies schon ganz fremd geworden. Wie sehr krankt doch unsere Gesellschaft an Herzlosigkeit, jenen gegenüber, die uns so nötig hätten. Egoismus wird ganz roß geschrieben. Das Ich steht weit vor dem Du. Aber jedem, der so handelt, kann es in einigen Jahren ebenso ergehen. Er darf sich aber nicht wundern, wenn die Saat, die er gestreut, aufgeht und die Ernte verständlicherweise ein arger Mißerfolg wird. Sucht dann jedoch nicht die Fehler bei den anderen. Ihr selbst ward es, die an euren Müttern, aber auch Großmüttern schlecht gehandelt habt. Mag sein, dass diese oder jene alte Frau in ihren jungen Jahren Fehler gemacht hat, mit irgendeinem unbedachten Wort oder Tat ein Kind, ein Enkelkind gekränkt hat. Sie tat es sicher nicht aus Eigennutz oder aus Lieblosigkeit. Hier liegt es an den Jüngeren, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten.Es kann vielleicht irgendwann der Augenblick der Besinnung kommen und man möchte gerne ein gutes Wort sagen. Aber Grabsteine sind taub, und der, der darunter liegt. kann es auch nicht mehr hören. Lassen wir den Muttertag weiterhin das sein, als das er ursprünglich gedacht war, ein Ehrentag für alle Mütter und Großmütter. Respektieren wir dass auch sie nur Menchen mit all ihren Fehlern sind und versuchenwir, sie gerade dieser Fehler wegen besonders zu lieben. Denkt einmal darüber nach, wie viele Entbehrungen so manche Mutter auf sich nehmen musste, wie viele heimliche Tränen sie vergossen, wenn sie aus Sorge am Bett ihrer kranken Kinder oft nächtelang gesessen hat. Wieviel Leid musste sie ertragen, wenn sie ein Kind verlor. Versucht euch in diese alte Frau hinein zu denken und gebt ihr ein wenig von dem zurück, was ihr von ihr im übergroßen Maße euer Leben lang von ihr erhalten habt. ——————– LIEBE !!!
JAHRZEHNTE DANACH
JAHRZEHNTE DANACH
Vor mehr als einem halben Jahrhundert, also beinahe einem Menschenalter ging ein furchtbarer Krieg, eine Schreckensherrschaft zu Ende. Alle Welt gedenkt immer wieder der Opfer dieses Geschehens mit Feiern, Ansprachen von Politikern, die nichts von alledem, was sich damals zugetragen hat, am eigenen Leib zu spüren bekommen hatten. Es wird mahnend für die zukünftigen Generationen an alle Gräueltaten jenes
Regimes erinnert, das Millionen von Menschen anderer Rasse, anderen Glaubens oder unerwünschter politischer Gesinnung das Leben kostete.
Jene aber, die diese Jahre furchtbarer Qualen in den Lagern überlebten, werden die Schmach und Pein nie vergessen.
Deshalb ist das Gedenken an sie unser aller Pflicht.
Doch was von keinem der Redner, den Politikern irgendeines Staates je erwähnt wurde, sind jene Opfer, die im Bombenhagel und in den Kämpfen vor dem Ende des Krieges ihre Gesundheit, ihr Heim oder gar ihr Leben verloren hatten.
Kinder, Frauen und alte Menschen saßen zitternd vor Angst in den Luftschutzkellern, nicht wissend, ob sie diesen überhaupt wieder lebend verlassen würden.
Es war grauenvoll, Tag für Tag diese Furcht von neuem zu erleben. Das Sirenengeheul gehörte schon fast zum Tagesablauf.
Wer hat es je erwähnt, wenn die Menschen vor den Trümmern standen, die einmal ihr Heim waren? Wenn sie im oft noch schwelenden Schutthaufen nach Habseligkeiten suchten? Wie ging es uns Kindern? Während im fernen Amerika diese unbeschwert spielen konnten, hat man uns die Kindheit gestohlen.
Die Väter meist an der Front, die Mütter mussten arbeiten und wir wurden landverschickt.Kinder in einem Alter, wo die Einheit einer Familie ungemein wichtig für den zukünftigen Werdegang ist, waren in Lagern untergebracht, in denen zwar Zucht und Ordnung bis zum Drill herrschte, aber jegliche liebevolle Zuwendung fehlte. Die Ungewissheit über den Verbleib der geliebten Eltern war ein ständiger Begleiter.
Nachts quälten uns furchtbare Träume, tagsüber versuchten wir mit erzwungener Heiterkeit den Kummer zu vergessen. Wie viele Tränen hier vergossen wurden, kann keiner ermessen.
Jene aber, die nicht mit den Schulklassen in eine ziemlich ungewisse Sicherheit gebracht wurden, saßen Tag für Tag stundenlang in oft finsteren Kellern, da das elektrische Licht meist ausfiel.
Wenn sie das Glück hatten, unbeschadet die unterirdischen Räume zu verlassen, bot sich ihnen oft ein grauenvoller Anblick. Wo vor Stunden noch Häuser standen, oft nur noch brennende Ruinen, durch Bombentrichter aufgerissene Straßen, weinende Menschen, die vor dem Nichts standen und oft nur mehr das hatten, was sie am Leib trugen.
Da es kaum Männer gab, die meisten von ihnen waren an der Front oder in Gefangenschaft, lag die ganze Last auf den Schultern der Frauen.
Wenn man heute von den Trümmerfrauen spricht, so ist das einer der ehrenvollsten Titel, die je vergeben wurden. Aber auch junge Mädchen und halbe Kinder halfen mit, wenn ihre Mütter den Schutt der zerbombten Häuser wegräumten, ohne dafür entlohnt zu werden.
Wenn sie stundenlang, ja manchmal sogar nächtelang vor einem Laden standen, um ein Stück Brot, ein paar Erdäpfel oder irgendwelche anderen Lebensmittel zu ergattern, um den ärgsten Hunger ihrer Lieben zu stillen, wuchsen sie über sich hinaus. Nachts weinten sie sich um ihre Männer, die Söhne, die Brüder und Väter die Augen aus, tagsüber aber ein Lächeln auf den Lippen hatten, da Schmerz zu zeigen nicht in jene Zeit passte.
Als unser Stephansdom brannte, standen die Wiener weinend davor, egal, welcher Konfession sie angehörten. Es war ein Symbol ihrer Heimatstadt, ein Stück ihres Herzens, das hier in Flammen aufgegangen war.
Oder die Wiener Staatsoper. Nur mehr ein Gerüst aus metallenen Streben war von dieser einst prachtvollen Kulturstätte übrig geblieben.
Jahre später, als sie im vollsten Glanz neu erstrahlte, standen die Menschen, die ihren Schutt weggeräumt und sie neu aufgebaut hatten draußen, jene aber, die für ihre Zerstörung verantwortlich waren, saßen als Ehrengäste drinnen.
Dann kam der Tag, an dem alles zu Ende war.
Aber es war nur der Krieg, der seinen Abschluss gefunden. Die Kämpfe ums Dasein wurden immer schlimmer. Unsere Befreier, die aus dem Osten kamen, befreiten uns schlussendlich von den letzten Habseligkeiten, die wir aus den Kriegswirrnissen noch retten konnten. Und noch etwas raubten sie uns, den letzten Rest von Menschenwürde, den man uns gelassen hatte.
Das alles trug nicht dazu bei, Sympathien unseren sogenannten Befreiern entgegen zu bringen.
Doch die Menschen gaben nicht auf.
Sie kämpften mit allen Mitteln ums Überleben.
Mit Rucksäcken und Buckelkörben ausgestattet zogen sie in die Wälder, klaubten Holz um kochen zu können und den Winter einigermaßen gut zu überstehen.
Und wieder waren es die Frauen, deren Erfindergeist grenzenlos war.
Sie sammelten Kräuter, suchten die abgeernteten Getreidefelder nach liegen gebliebenen Kornähren ab und droschen die vorhandenen Körner aus.
Die Kochrezepte, die zu dieser Zeit kursierten, würden heute in unserer übersättigten Gesellschaft ein Kuriosum darstellen.
Die Getreidekörner wurden geröstet, gemahlen und gaben einen herrlichen Kaffee ab, der weder den Blutdruck erhöhte noch den Magen schädigte.
Dazu gab es Torten aus Sojabohnen und Erbsen.
Diese gab es in Hülle und Fülle. Ein Mittagessen bestand aus drei Gängen: einer wässerigen Erbsensuppe ohne Fett, Erbsenpüree oder eingebrannt, so Mehl vorhanden war und als Beilage gab es Laibchen aus den oben erwähnten Getreidekörnern. Die Nachspeise aus der besagten Erbsentorte. Ich weiß nicht, wie viel Kilogramm dieser Hülsenfrucht und deren nicht immer entfernbaren Bewohner, die sich auch durch das Salzwasser, in die man die Erbsen am Vortag einlegte, aus ihren Behausungen entfernen ließen, mit verzehrt hatte. So war sowohl der pflanzliche als auch der tierische Eiweißbedarf gedeckt.
Sie waren eine Gabe der russischen Besatzungsmacht. Heute spricht man davon, dass die Russen uns, vor allem den Osten unseres Landes vor dem Hungertod gerettet haben.
Dies und die von den Amerikanern gespendeten Fischdosen Marke Silverhake gehörte zu unserer täglichen Nahrung. Würde man heute einer Katze eine solche Fischdose vorsetzen, sie würde Reißaus nehmen.
Dann kamen die Carepakete. Sie beinhalteten Trockeneipulver, Trockenmilchpulver und jene oben bereits erwähnten Fischdosen, ein Stück Cudberry Schokolade und natürlich den lebenswichtigen Kaugummi. Allerdings haben diese ach so wertvollen Pakete wenige Menschen erhalten. Nun komme ich zu einem Thema, das viele bereits vergessen hatten- oder wollten.
Keiner werfe einen Stein auf jene Frauen, die so sie nicht vergewaltigt wurden, sich einen Besatzungssoldaten hingaben. Manchmal für ein Stück Schokolade, das sie ihren ausgehungerten Kindern heimbrachten, vielleicht auch für ein paar Zigaretten oder ein Paar der so begehrten Nylonstrümpfe.
Vielleicht aber auch aus Sehnsucht nach lang entbehrter Zärtlichkeit, nach Stunden des Vergessens, aus Angst vor der Einsamkeit.
Wer kann, wenn er es miterlebt hat vergessen, wie es war, als die ersten Heimkehrerzüge aus Russland nach Wiener Neustadt kamen.
Ausgemergelte Gestalten, die sich oft kaum noch auf den Beinen halten konnten, stiegen müde und angekämpft aus den Viehwaggons. Im Gegensatz zu heute, wo man Schwerverbrecher, die hier in unserem Land als Asylwerber ihre Untaten begehen und deshalb landesverwiesen werden, dürfen bequem im Flugzeug heimreisen. Angehörige, die sie lachend und weinend in die Arme schlossen. Frauen, die mit Bildern eines geliebten Menschen von einem Heimkehrer zum andern gingen in der Hoffnung, irgendetwas zu erfahren und die bittere Enttäuschung auf ihren Gesichtern, wenn jene verneinend den Kopf schüttelten.
Wer denkt an Wiedergutmachung oder einem entschuldigenden Wort bei jenem heimgekehrten Soldaten, der mit Krücken am Bahnhof stand. Ein Bein hat er, wie so viele andere auch im Krieg verloren. Nun steht er da, ganz verlassen, keiner ist gekommen, der ihm vor Freude um den Hals fällt.
Es gibt ja auch niemanden. Denn während er an der Front kämpfen musste, starb seine Familie im Bombenhagel.
Wer sagt nur ein Wort darüber, dass in der sogenannten Friedenszeit viele Menschen auf Nimmerwiedersehen nach Sibirien verschleppt wurden. Denunzianten hatten sie als Nationalsozialisten bei der Kommandantur angezeigt, und in einer Nacht und Nebelaktion verschwanden sie spurlos. Wer hatte je ein tröstendes Wort für die unzähligen Frauen, die auch in Friedenszeit vergewaltigt wurden. Im Gegenteil, froh, nicht selbst ein Opfer einer solch schändlichen Tat geworden zu sein, zeigte man mit den Fingern auf sie.
Wir brauchen diesen Menschen keinen Gedenkstein setzen. Deren gibt es ohnedies genug. Aber wenn wir der Opfer in den Konzentrationslagern gedenken, dann sollten wir auch die anderen nicht vergessen, egal, wo sie das Grauen erlebten und auch heute noch immer erleben müssen.